Der Guckemensch
Polemik eines Blinden über Sehende

Arne Harder

Wir behandeln nun die merkwürdigste Art der lebenden Hominiden: den Guckemenschen (Homo Sapiens Opticus).

Als bemerkenswert erscheint uns seine Fähigkeit der räumlichen Navigation. Ohne Taststock steuert er sicher meilenweit entfernte Ziele an, solange kein großes Hindernis ihm die Wahrnehmung verstellt. Seine oft hoch gelobte räumliche Orientierung dagegen befindet sich in den Grenzen des allgemein Menschlichen. Die zur Verfügung stehende Stichprobe entsprechender Individuen (n =5) erzielte allerdings im ROT (Raum-Orientierungs-Test) mit dem arithmetischen Mittelwert von m =111 gegennüber dem durchschnittswert von 100 ein statistisch signifikant besseres Resultat (p < 0,05).

Die Wahrnehmungsgrundlage für diese Leistungen stellt die Verarbeitung einer besonderen Art von Strahlung dar, deren erhitzende Wirkung sich mit Thermometern nicht nachweisen lässt. Die Augen scheinen das primäre Sinnesorgan darzustellen. Anders als bei Wärmestrahlen gelingt es Guckemenschen bei dieser Strahlung, neben Intensitäten auch verschiedene Qualitäten zu unterscheiden. Mit den Worten der verfügbaren Optici wollen wir die spezielle Strahlung als "Licht" und die differenzierten Qualitäten als "Farben" bezeichnen.

In weit entfernten Weltgegenden stellt der Homo Opticus die Mehrheit dar. Was unsere Fernreisenden über diese Gegenden berichteten (Aufbruch, 2500; Abbruch, 2501), vermochten wir zunächst nicht zu glauben. Da aber Versuche mit unseren fünf Optici manche Aussagen dieser Autoren bestätigen, wollen wir das Bestätigte Wissen in unserem "Wissenschaftlichen Tierleben" verwerten.

Lokomotion (Aufbruch, 2500, S. 31-32): In jenen Gegenden gehen die Optici kaum zu Fuß. Sie bedienen sich zwei- oder vierrädriger Vehikel: Die zweirädrigen "Fahrräder" treiben sie mit Muskelkraft an, die vierrädrigen "Autos" mit Verbrennungsmotoren. Geübte Fahrer des Fahrrades erreichen nach Aufbruch (2500, S. 31) die erstaunliche Geschwindigkeit von 20 Stundenmeilen. Mit den Autos müsste man Orkane überholen, denn laut Aufbruch (2500, S. 32) soll man 100 Meilen pro Stunde fahren können. Freilich bemerkt der Autor an gleicher Stelle, dass dies unter Emission eines "infernalischen Lärms" geschieht und, dass sich auf den Straßen der Optici meist so viele dieser Vehikel befinden, dass sie sich kaum zu bewegen vermögen.

Schrift (Abbruch, 2501, S. 104-111): Die Optici pflegen in merkwürdiger Weise zu schreiben und zu lesen. Sie bestreichen saugfähige Materialien wie Papier in komplexen Mustern mit wässrigen Flüssigkeiten. Die Grundformen dieser Muster bilden, wie in unserer Schrift, die Buchstaben; deren Formen sind jedoch äußerst komplex, und sie kommen in vielen Varianten vor. Ist die Flüssigkeit eingezogen, lässt sie sich nicht mehr ertasten; nur der Opticus ist damit befähigt, diese Schrift zu entziffern.

Kultur: Die "Kultur" der Guckemenschen ist derart von Egoismus und selbstverleugnender Ignoranz geprägt, dass es kein Fernreisender dort länger als zwei Monate ausgehalten hat. Wer im Arbeitstempo, in der Geschicklichkeit, der Intelligenz oder im Wahrnehmungsvermögen den völlig überhöhten Erwartungen der Optici nicht gerecht zu werden erscheint, wird ausgeschlossen. Deutlich zeigt sich dies im Umgang mit Nicht-Optici: In armen Gegenden vernachlässigt man sie völlig; sie müssen betteln und verhungern oft (Aufbruch, 2500, S. 34). In reichen Regionen wendet man nach Abbruch (2501, S. 114) viel Geld auf, um die Nicht-Optici den Normen der Optici anzupassen. Als Folge dieser sog. "Rehabilitation" bestimmen nicht die Betroffenen, in welcher Weise sie ein ihnen gemäßes und beglückendes Leben führen wollen, sondern es sind die anderen, welche entscheiden - beispielsweise wo und wie ein Nicht-Opticus arbeiten darf, oder wie er seine "funktionslosen" Augen zu verschleiern hat.

Manche Aussagen dieser Berichte vermochten wir experimentell und mit narativen Interviews zu bestätigen. Wir danken Ihrer Majestät, Christina der Unsichtbaren, welche uns in jeder Weise unterstützte.

Nach den Anweisungen unserer Guckemenschen ließen wir ein Fahrrad bauen. Wir modifizierten es zu einem vehikel, das von zwei hintereinander fahrenden Personen bewegt, aber nur von einem, dem Guckemenschen, gesteuert werden kann (siehe Abbildung 1). Jeder von uns Autoren übte sich in der folgenden Woche jeweils eine Stunde täglich im Umgang mit diesem Fahrrad mit jedem der fünf Guckemenschen. Danach fuhr jeder von uns genau eine Stunde lang (Pendeluhrmessung) mit jedem Opticus auf dem Fahrrad einen 28 Meilen langen Testweg entlang; zwischen den einzelnen Fahrten lag jeweils eine Stunde Pause. Pro Fahrstunde wurde die Zahl der zurückgelegten Meilen mit dem Maßband abgemessen. Bei den 25 Testwerten ergab sich ein arithmetischer Mittelwert von m = 18,3 und eine Standardabweichung von s = 4,2 Stundenmeilen. Diese Ergebnisse lassen die von Aufbruch (2500, S. 31) angegebenen 20 Stundenmeilen als möglich erscheinen.

Bei einer Befragung gaben unsere Guckemenschen an, die vor der Einwanderung benutzten Schriftzeichen der Optici noch zu kennen. Nach den von Abbruch (2501, S. 106-111) angegebenen in Papier geprägten Formen der Buchstaben fertigten wir aus nassem Kaolin vierfach vergrößerte Abbildungen an und klebten aus diesen Grundelementen an der gegenüber der Tür des Basaltsaales im königlichen Schlosse befindlichen Wand einen Text in Augenhöhe der Guckemenschen (geprägte Form des Textes in Abbildung 2). Sodann führten wir jeden Guckemenschen einzeln und ohne Wissen der anderen durch die Tür des Basaltsaales und trugen ihm auf, den 12 Doppelschritt entfernten Text von hier aus zu verlesen. Alle Optici bewältigten diese Aufgabe prompt und fehlerfrei. Der Text lautete:
"Und Gott sah, dass es sehr gut war."

Schließlich baten wir jeden Guckemenschen unabhängig von den anderen, die Kultur, aus der er ursprünglich kam, mit jener zu vergleichen, in der er nun lebte. Folgende Hauptaussagen charakterisieren die Unterschiede zwischen diesen Kulturen:

  1. "Ich wusste nicht, wie gut man ohne Sehen leben kann."
  2. "Manchmal vermisse ich die vielen Bücher und Bilder, die früher für mich selbstverständlich waren."
  3. "Ich tat früher oft nur so, als entspräche ich den an mich gestellten Erwartungen."
  4. "Wir Guckemenschen könnten dafür sorgen, dass das Reisen für alle einfacher wird und schneller geht."
  5. "Ich will mein Sehen nicht verleugnen; es bildet einen wichtigen Teil von mir."

Ältere Biologiebücher (z.B. Hammerschlag, 2461) sprachen dem Homo Opticus das Menschsein sui generis ab. Wir können nicht anders, als es ihm in vollem Maße zuzuerkennen. Er reflektiert wie wir und erweist sich als ein ebenso mitfühlendes Wesen.

Doch bedarf der Guckemensch regelmäßig der Rehabilitation. Das Optische weist eine hegemoniale Tendenz auf. Guckemenschen brauchen Hilfe bei der Förderung ihrer anderen Sinne. Unseren Beistand benötigen sie bei dem schwierigen Unterfangen, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken, zu erproben und zu ihrem eigenen Glücke sowie zum Fortkommen unserer Gemeinschaft einzusetzen.

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