Den Sand ins Getriebe nehmen:
Inklusion als Erziehung zur universellen Liebe?
Unorthodoxe Gedanken zur Philosophie der Inklusion

Dr. Arne Harder, Dipl.-Psych.
(zu den Danksagungen und zum Authorenkontakt)

Einleitung

Droht der Fortschrittsgesellschaft die totale „Infektion am Inklusionsvirus“? Hat der internationale „Impfversuch“, dem sich auch unsere Bundesrepublik Deutschland angeschlossen hat, als sie die Behinderten-Menschenrechts-Konvention ratifizierte, tatsächlich so nachhaltig gewirkt?

Auf den ersten Blick erscheint das so: Das Wort: „Inklusion“ begegnet uns sowohl im Behindertenwesen wie in den Medien. Man kann anscheinend nicht anders, als sich für Inklusion auszusprechen. Trotz Demokratie wagt kaum jemand, dagegen aufzubegehren; am ehesten opponieren die Organisationen der Behindertenselbsthilfe. Und wie ein Virus, so scheint es sich mit der Inklusion in der Welt der Behinderten zu verhalten: Sie kam zu uns, sie drang in uns ein, sie breitete sich in uns aus, und sie blieb und bleibt unserem Wesen fremd.

Anscheinend funktioniert unsere „gesellschaftliche Gesundheitspolizei“ prächtig gegen den „Inklusionsvirus“: Es ändert sich wenig; vielen Worten und Beteuerungen folgen wenige, oft halbherzig ausgeführte Taten. Weiterhin jagen wir dem Fortschritt in steigender Geschwindigkeit nach. Wer nicht mitkommt, bleibt auf der Strecke – behindert, wie wir es kennen.

  1. Warum ändert sich zwischen Behinderten und Nichtbehinderten so wenig, obwohl das Konzept der Inklusion große Verbreitung gefunden hat (Abschnitt 2)?
  2. Was bedeutet Inklusion, und wie würde es sich auswirken, wenn die Gesellschaft diese zu ihrem Hauptziel machte (Abschnitt 3)?
  3. Wo überdauert praktizierte Inklusion am ehesten (Abschnitt 4)?
  4. Was können die Behinderten tun, wenn sie eine inklusive Gesellschaft zu erreichen suchen (Abschnitt 5)?
  5. Und welche Bedeutung für die Menschheit hätte die Inklusion im schlimmsten denkbaren Falle (Abschnitt 6)?

Diesen Fragen werde ich mich auf der Gedankenautobahn nähern, deren Leitplanken ätzende Polemik und hingebungsvolle Begeisterung bilden. Ich möchte damit unorthodoxe Gedanken aussprechen, die eine nähere Beschäftigung lohnen könnten.

Was uns vor der Infektion schützt

Was ist der Mensch? – Genauer gefragt: Wie sieht er aus, was kann er, was darf er auf gar keinen Fall können oder tun?

Seit ihrem Beginn befasst sich die Menschheit mit diesen Fragen. Je nach Kultur und Zeitumständen findet sie neue Antworten und klärt diese Fragen nie ganz. Doch war von Anfang an deutlich, dass es verschiedene Menschenarten gibt, etwa: Männer und Frauen, Personen mit verschiedener Hautfarbe oder mit unterschiedlicher Intelligenz; auch Behinderungen bilden verschiedene Arten des Menschseins.

Doch scheinen die meisten von uns eine ziemlich genaue Vorstellung von einer Art allen gemeinsamen Grundausstattung zu haben. Sehen, nicht mit den Möglichkeiten einer Biene, Hören, nicht nach der Art der Fledermaus, und Denken, besser als ein Durchschnittsschimpanse, aber bitte nicht so verstörend wie ein Nietzsche oder Einstein – das gehört zu dieser Ausstattung.

Auf den grundausgestatteten Menschen richtet die Industrie ihre Produktion aus. Je besser sich die Vision der anfänglich gleichen Grundausstattung aller Mitglieder der Gesellschaft halten lässt, desto eher ist Konkurrenz zu rechtfertigen: wer bei gleicher Grundausstattung am meisten erreicht, hat sich am besten bewährt und darf die weiter hinten plazierten ausstechen.

Ein Äquivalent zur Grundausstattung bildet daher auch das Ziel jeder Rehabilitation. Wo man diesem Ziel – etwa auf technischem Wege bei Verunfallten – näher kommt, erscheint uns der Fortschritt als besonders human. Wer beispielsweise als Blinder nach einer Augenoperation wieder sehen kann, der steht – meist nach seiner eigenen Wahrnehmung – unter der Gnadensonne des Fortschritts.

Inklusion bleibt als zweite Wahl denjenigen vorbehalten, denen der Fortschritt noch nicht zur Grundausstattung helfen kann.

Alle haben wir uns aus guten Gründen mit Spielarten dieser Gedanken angefreundet: Die „Mangelmenschen“ nämlich leiten ein Recht auf Wiedergutmachung durch die Gesellschaft ab. Wie diese umzusetzen ist, darin sind die Behindertenverbände kreativ. Das hat im Fall der Blinden dazu geführt, dass der Argumentation ihres Spitzenverbandes folgend in der Bundesrepublik Deutschland ein Blindengeld weitgehend vermögensunabhängig gezahlt wird. Laut dem DBSV bestehen Die aus der Blindheit erwachsenden Nachteile unabhängig von der finanziellen Situation der betroffenen Menschen; ob man pro Monat über den ALG-II-Regelsatz von derzeit ca. € 403 oder über € 403.000 verfüge, als Blinder müsse man sich etwa Bücher aufgesprochen oder in Blindenschrift besorgen, was Mehrkosten gegenüber Menschen mit normaler Sehausstattung hervorruft. Verschiedene Behindertenverbände rechtfertigen behinderungsspezifische Sonderschulen aus diesen Gedanken: Die entsprechenden Verbände bezeichnen diese Sonderschulen als: „Fachschulen“ für die spezielle Behinderung. Solche Fachschulen seien zu erhalten, weil anderenfalls die kommenden Behindertengenerationen ihren Behinderungen gegenüber hilflos bleiben würden.

Allgemein gehen wir davon aus, dass jeder Mensch eine Grundausstattung mit Fähigkeiten und Fertigkeiten aufweisen muss. Wo an dieser etwas fehlt, haben die Betroffenen das Recht und hat die Gesellschaft die Pflicht, den Nachteil auszugleichen. In diesem System kann man sich einrichten – als Mensch mit Abweichungen von der Grundausstattung ebenso wie als Behindertenverband. Dafür lässt sich sogar hinnehmen, wenn es im Falle von Behinderten gilt, den eigenen Zustand des Menschseins zu vermeiden und diesen dem Zustand mit Normalausstattung anzugleichen.

Inklusion bleibt nur in sofern interessant, als ein Nachteilsausgleich nicht möglich ist und die betroffenen Personen ihre Behinderung auch als sie individuell auszeichnendes Merkmal verstehen. Da hat der „Inklusionsvirus“ kaum Angriffsmöglichkeiten.

Auswirkungen der Vollen Infektion

Inklusion besteht in der Anerkennung von Gleichwertigkeit bei erwiesener Unterschiedlichkeit.

Das bedeutet: Ein Mensch mit stark von der Norm abweichenden Leistungen und Verhaltensweisen muss die Gleichwertigkeit der „Normalen“ ebenso anerkennen wie diese ihn mit seinen Abweichungen. Wer Mordlust hat, bleibt uninkludierbar, solange er das Lebensrecht der anderen nicht als dem seinen gleichwertig achtet und das Morden wenigstens einzustellen sucht. Ein Hochbegabter lässt sich nur inkludieren, wenn seine hohe Begabung wahrgenommen wird und er die Möglichkeit bekommt, Aufgaben zu lösen, die seiner Begabung entsprechen. Um gehörlose oder blinde Menschen zu inkludieren, müssen alle eine Menge davon verstehen, was ohne hören oder sehen zu können machbar ist. Verdrängung oder Verneinung der Unterschiede um der Gleichheit willen nützt gar nichts.

Eine vom Inklusionsvirus vollständig infizierte Gesellschaft geht deshalb nicht unter. Doch verlangt vollständige Inklusion die „Umwertung aller Werte“ – um mit Nietzsche zu sprechen. An zwei Werten möchte ich das beispielhaft erläutern: denen des Durchsetzens gegen Konkurrenz und dem technisch-wissenschaftlichen Fortschritt. Diese beiden Werte stehen weltweit hoch im Kurs.

Durchsetzen gegen Konkurrenz

Solange viele ihren Wert aus dem Sieg im Konkurrenzkampf beziehen, bedeutet die Inklusion von Menschen mit Behinderungen, dass diesen die Aufgabe verbleibt, die letzten Plätze in der Rangfolge dauerhaft einzunehmen. In Bezug auf das Recht und die Pflicht des Lebens würde Inklusion verwirklicht, in Bezug auf gleichwertige Teilhabe dagegen überhaupt nicht.

Diese Teil-Inklusion eröffnet Politikern im sozialen bereich ein enormes Einsparpotential. Nur das Überleben wäre abzusichern, um den Rest müssten sich die Behinderten kümmern.

Technisch-wissenschaftlicher Fortschritt

Selten werden Dinge so heiß gegessen wie gekocht. Das gilt auch für die Inklusion auf der Grundlage des Durchsetzens im Konkurrenzkampf. Es gibt einen Markt von Leuten, die Hilfen benötigen, mit denen diese einige ihrer Rechte wahrnehmen und Pflichten ausüben können. Immerhin sind in den westlichen Industriegesellschaften etwa 10 % behindert; zählt man deren Familien und Freunde mit, haben wenigstens dreimal so viele Leute ein Interesse daran, dass die Behinderten auf vernünftigen Plätzen im Konkurrenzkampf landen.

Hier kann der wissenschaftlich-technische Fortschritt lindern oder die Behinderung aufheben. Auch nicht-technische Hilfsangebote finden ihren Markt.

Unsere Gesellschaft und die vollständige Inklusion

Natürlich sehen wir den Umgang mit Behinderung in dieser Gesellschaft in den obigen Schilderungen weitgehend gespiegelt: Wir sichern das Überleben der Betroffenen und überlassen die Teilhabe vor allem dem Markt.

Was dagegen vollständige Inklusion umfasst, möchte ich in einem technischen Bild darstellen: Vollständige Inklusion nimmt den Sand ins Getriebe und sucht dieses so zu verändern, dass es auch und vielleicht gerade mit dem Sand rund läuft.

Also müssen beispielsweise Blinde an alle Informationen kommen können, aber wie das eingelöst wird, das ist zweitrangig. Menschen mit schweren geistigen Behinderungen wird man auch bei vollständiger Inklusion von Aufgaben freistellen, die für andere selbstverständlich sind: wer das Rechnen nicht lernen kann, muss im Laden den Kassierer/innen vertrauen können.

Konkurrenz im Inneren schließt vollständige Inklusion aus. Der Blinde Astronom und der geistig behinderte Vortragende an der Universität sind erst möglich, wenn die Menge der Arbeits- und Lehrinhalte eine weit geringere Rolle spielen als deren Relevanz und Stimmigkeit.

Eine vollständig inklusive Gesellschaft hätte Vorteile, aber auch manchen Nachteil. Sie wäre beispielsweise so gut wie immun gegen die Wirkung von Krankheiten, die Menschen erblinden lassen. Es wäre nicht lebensnotwendig, schnell ein Heilverfahren für die Krankheit zu erfinden, weil alle Informationen auch den Blinden zugänglich sind.

Sicher würden vollständig inklusive Gesellschaften geringere technisch-wissenschaftliche Fortschritte machen als konkurrenzbetonte, weil sie es ablehnen, dass der Fortschritt nicht alle unterstützt.

Möglicherweise wäre die Hemmschwelle vor Kriegen in inklusiven Gesellschaften geringer als in anderen, weil sie das Ansteigen der Behindertenzahlen als Kriegsfolge weniger fürchten.

Eine vollständig inklusive Gesellschaft könnte sogar einen inklusiven Umgang mit der Natur pflegen: Wildschweine, Wölfe oder Bären könnten nach der inklusiven Revolution in unseren Städten leben, wenn man ihnen erfolgreich verwehrt, die körperlich oder geistig Schwächeren zu verspeisen.

Überleben mit der Infektion

Doch der Inklusionsvirus wird unsere Gesellschaft kaum durch und durch infizieren. Er hat allerdings schon immer sein Revier in den menschlichen Gesellschaften gehabt und wird mindestens dort überleben:

Wo Menschen in Sympathie, Freundschaft und Liebe verbunden sind, dort wird Inklusion praktiziert. Wer einen Menschen liebt, sieht ihn trotz seiner Unterschiede als gleichwertig an.

Von Sympathie getragene Freundschafts- und Liebesbeziehungen kommen in verschiedenen Formen vor. Diese richten sich nach den Voraussetzungen der verbundenen Personen: Kinder in verschiedenen Altersklassen sind anders zu lieben als Erwachsene. Das trifft auch zu, wenn eine der verbundenen Personen behindert ist.

Um andere Menschen als gleichwertig behandeln zu können, muss ich diese genau kennen. Ich muss wissen, welche Voraussetzungen sie haben, und einschätzen, was sie aufgrund dieser zu leisten vermögen. Das gelingt niemandem perfekt, und deshalb gibt es keine perfekte Liebesbeziehung. Das Wissen um die anderen zu verbessern, und dadurch die Möglichkeit zu schaffen, einander persönlich mindestens auf der Grundlage von Symtathie oder besser liebevoll-freundschaftlich trotz der Unterschiede zu begegnen, wäre eine lohnende Aufgabe für Ausbildung und Erziehung.

Eine universelle Gesellschaft auf der Grundlage von Freundschaft und Liebe, total inklusiv und durch Universalität vor Kriegen sicher? – Als Christ wünsche ich mir das, und ich bin sicher, dass sich dieser Utopie auch Menschen anderer Ideologien und Glaubenslehren anschließen können.

Förderung der Infektion

Anscheinend bleibt Inklusion eine Haltung für den liebevoll-freundschaftlichen persönlichen Umgang, die aber gesamtgesellschaftlich kaum ins Gewicht fällt. Sollte deshalb der breiten Inklusionsdiskussion eine Pause verordnet werden, und sollten jene Behinderten und ihre Verbände, die sich stark für Inklusion eingesetzt haben, nun schweigen? Müssen wir Inklusionsinfizierten und -begeisterten einsehen, dass Inklusion bis auf Weiteres nur eine Utopie bleibt, die allenfalls unser persönliches Handeln mitbestimmt?

Um sich diesen Fragen zu nähern, könnte es hilfreich sein, die Beziehungen zwischen Rehabilitation und Inklusion näher in den Blick zu nehmen: Rehabilitation und Inklusion schließen einander nämlich keinesfalls aus, sondern können einander bedingen. Wer nicht selbständig atmen kann, muss zum Erhalt seines Lebens rehabilitiert werden, damit er inkludierbar ist. Maßnahmen der Inklusion andererseits können Rehabilitationstechniken mit einbeziehen: Viele Blinde erhalten mit einer Rehabilitation die Möglichkeit, Texte im Web durch Screenreader mit Braillezeilen und Sprachausgaben am PC erfassen zu können. Je weiter diese Techniken verbreitet sind, desto mehr trägt es zur Inklusion für blinde Menschen bei, wenn Behörden ihre Informationen in einer für Screenreader darstellbaren Weise vorhalten.

Solange Leistung, Effizienz und Konkurrenz gesellschaftlich in hohem Kurs stehen, bleibt Inklusion dennoch weitgehend auf den persönlichen Umgang beschränkt. Das Durchsetzen nachweislich geeigneter rehabilitativer Maßnahmen zur Verbesserung der Ausgangsposition von behinderten Menschen verbleibt demnach bis auf weiteres als Hauptgeschäft der Behindertenorganisationen und -verbände.

Doch auch Organisationen und Verbände müssen sozusagen „persönliche“ Kontakte untereinander pflegen. Immerhin sind sich als Ergebnis der Inklusionsdiskussion die Behindertenverbände darin einig geworden, dass sie miteinander zu kooperieren haben. Sie müssen deshalb die Bedürfnisse der jeweils anderen Behinderten im eigenen Verhalten einzubeziehen lernen.

Das wird jede einzelne behinderte Person verändern: Ich habe am Ende des Studiums bei der Mitarbeit in der Behinderteninitiative an meiner Universität erfahren, was es heißen kann, mit stark hörbehinderten und gehörlosen Menschen zusammenzuarbeiten. Damit uns Sehgeschädigten die Hörbehinderten verstehen konnten, mussten wir lernen, unsere Beiträge kurz und knapp zu formulieren und exakt zu wiederholen, wenn sie es nicht verstanden hatten. Oft genug ist mir das misslungen; ich habe beispielsweise den Inhalt korrekt wiederholt, aber mit anderen Worten oder mit denselben Worten, aber in anderer Betonung. Auch heute schaffe ich es nicht, meine mündliche Rede stets hörbehindertentauglich zu gestalten.

Inklusion muss bei den Menschen mit Behinderung beginnen, damit sie glaubwürdig werden. Das betrifft auch und gerade die Beziehungen zwischen verschiedenen Behindertenverbänden, die heute eher durch den Konkurrenzkampf um Finanzen bestimmt sind als durch eine von Respekt und Sympathie getragene stabile Kooperation.

Im Sinne der Inklusion könnten beispielsweise die Behindertenverbände zusammen mit anderen Organisationen die Arbeit an einer liebevoll-freundschaftlichen Gesellschaft ohne Konkurrenz zum Hauptziel machen. Sie könnten etwa eine Kampagne für ein bedingungsloses Grundeinkommen gestalten oder unterstützen, dessen Höhe ein gutes Leben aller garantiert. Sie könnten sich weiterhin dafür aussprechen, dass die Tätigkeiten, die bisher unter den Begriff der Arbeit fallen, zu echten Mußebeschäftigungen werden, welche nur diejenigen ausführen müssen, die ihre Bestimmung darin sehen und sie deshalb meist gern durchführen, selbst wenn diese ihnen kein oder nur ein geringes Zusatzeinkommen einbringen.

Doch wie realistisch ist es, dass die Behindertenverbände diese Kehrtwende durchführen? Wer diese Frage zu beantworten sucht, muss bedenken, dass die allermeisten Menschen mit Behinderungen ein „behinderungsfreies“ Vorleben aufweisen, und viele von ihnen damals im allgemeinen Konkurrenzkampf nach eigenem Empfinden nicht schlecht abgeschnitten hatten. Vielen dieser Menschen liegt wahrscheinlich der Einsatz für eine Enthinderung und die Wiederherstellung des vertrauten Status quo näher als der Kampf für die konkurrenzfreie Paradiesgesellschaft.

Also können wir uns bei der Inklusionsdiskussion beruhigen und sie vor allem im persönlichen Umgang fortführen. Inklusion bietet nicht nur eine Utopie oder eine Maxime des persönlichen ethischen Handelns, sondern behält auch ihre gesellschaftliche Relevanz, allerdings bis auf Weiteres auf der Grundlage von Rehabilitation.

Und im schlimmsten Fall?

Das könnte sich schneller ändern, als uns allen lieb ist: Nach dem Dritten Weltkrieg nämlich könnten so wenige Menschen übrig bleiben, dass diese zur Arterhaltung alle aufeinander angewiesen sind. In diesem Falle dürfte es keine Rolle mehr spielen, wenn der eine blind, der andere taub, der dritte hirngeschädigt, der vierte an Armen und Beinen behindert und der fünfte durch Kriegserlebnisse psychisch beeinträchtigt sein sollte. Die wenigen Übriggebliebenen wären dann Mangels anderer Möglichkeiten genötigt, jeden zu inkludieren.

Keiner wünscht sich den Dritten Weltkrieg, schon gar nicht in dieser radikalen Form. Doch erscheint es als plausibel, dass im Falle dieses totalen Krieges die Menscheit nur mit wenigstens weitgehender Inklusion überlebensfähig sein kann. Möglicher Weise wird sie diejenigen nicht inkludieren wollen oder können, die zwar überlebt haben, aber nicht mehr arbeits- oder zeugungsfähig sind. Und ob es der Menscheit in wieder besseren Zeiten gelingt, die gute Gewohnheit der Inklusion beizubehalten, das steht höchstens in den Sternen.

Doch könnten wir Menschen im Falle des Totalen Krieges aus unserer egoistischen Haut? Wenn nach dem genannten Desaster die große Mehrheit der Menscheit behindert wäre, und nur ein sehr geringer Bruchteil der Vorkriegsbevölkerung überlebt hätte, beispielsweise weniger als jeder zehntausendste, dann lässt sich auch vorstellen, dass die wenigen Nichtbehinderten ohne Rücksicht auf Verluste jeder nur sich selbst zu erhalten suchen und damit das Fortbestehen der hominiden Art in Frage stellen.

Die Gattung Homo sapiens sapiens wäre damit nicht die erste Art, die nach einer Katastophe ausstürbe; man denke an die Dinosaurier. Neu wäre nur, dass die Menschheit die zu ihrer Ausrottung führende Katastrophe selbst herbeigeführt hätte. Damit würde sich erweisen, dass Inklusion sich einzig bei Gott im Paradies ganz und gar verwirklichen lässt - jedenfalls bei uns Menschen.

Danksagung und Kontakt zum Author

Frau Eva Girke-Labonté, Mitarbeiterin im Bereich Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei der Aktion Mensch e. V., hat die ersten Versionen dieses Dokumentes redigiert.

Von Meiner Frau, Christina Harder-Henf, stammt der Untertitel: „Inklusion als Erziehung zur universellen Liebe“. Diesen habe ich gern aufgenommen, weil sich die persönliche Beziehung zwischen den zu Inkludierenden auf der Grundlage von Sympathie als eine Ausdrucksform der von Christen propagierten Nächstenliebe beschreiben lässt.

Diskussionen mit meiner ehemaligen Studienkollegin Yvonne Chapman, die selbst gehörlos ist, sowie die Diskussionen zum Thema: „Inklusion“ im Rahmen der Konferrenz: „Mensch-Maschine-Kommunikation“ in Elmstein, 2015, haben mich bewegt, die Virus-Metapher in der Einleitung näher zu erläutern. Den Mitgliedern der von mir zwischen Februar und Juli 2016 durchgeführten Fortbildungsreihe: "Inklusive Webseiten selbst erstellen für alle" verdanke ich viele und gute Anregungen zum Layout.

Schließlich hat Herr Dr. Siegfried Saerberg, Diplomsoziologe aus Köln, mich veranlasst, im fünften Abschnitt wenigstens kurz zu skizzieren, welche Bedeutung den Selbsthilfeorganisationen der Behinderten zukommen könnte, wenn sie sich in meinem Sinne für Inklusion einsetzen.

Mailanschrift des Authors:
nc-harderar@netcologne.de

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