Die taktile Zielroutenkarte:
Bewertung ihrer Gebrauchstauglichkeit bei sehgeschädigten Personen

Der Originalartikel
Harder, A. & Michel, R. (2002). The target-route map: Evaluating its usability for visually impaired persons. Journal of Visual Impairment and Blindness, 96, pp. 511-523.

Zusammenfassung: Zwei Studien wiesen die Gebrauchstauglichkeit der taktilen Zielroutenkarte für das Verorten und Identifizieren einer unbekannten Route durch sehgeschädigte Personen nach. Verglichen mit der Orientierungs- oder der Mobilitätskarte derselben Umgebung wurde die taktile Zielroutenkarte schneller gelesen, und mehr von ihren Details wurden korrekt erinnert.

Schlüsselworte: Blinde, Gebrauchstauglichkeit, Mobilität, Zielroutenkarte.

Deutsche Zusammenschau

Gegenstand

Zwei Studien weisen die Nutzertauglichkeit der taktilen Zielroutenkarte erstmals nach. Die erste verwendet Vollsinnige unter Lichtabschluss, die zweite Sehbehinderte und Blinde (Sehgeschädigte) als Versuchspersonen (VPN).

Die taktile Zielroutenkarte ist als tastbare Karte mit mehreren Maßstäben zu verstehen. In die Orientierungskarte eines Geländes wird auf demselben Kartenblatt die Mobilitätskarte einer bestimmten Route eingefügt. Diese Zielroute erscheint gegenüber ihrer Umgebung in größerem Maßstab und mit mehr Detaills. Diese Darstellung soll Sehgeschädigte beim Begehen der Zielrote unterstützen, indem sie selektiv für die Zielroute orientierungsrelevante Informationen vorhält und gleichzeitig skizziert, wohin sich die Nutzenden verlaufen könnten.

Das Programmsystem "Map Wizard" (Michel, 2000) ermöglicht Vollsinnigen die mit dem PC unterstützte Herstellung taktiler Zielroutenkarten. Die Funktionsweise wird in §5, die technische Realisation in §16 des Originalartikels beschrieben.

Methode

In beiden Studien besteht die Aufgabe der Vpn darin, mindestens eine taktile Karte unter Lichtabschluss zu "erfassen", dabei besonders auf eine hervorgehobene Route zu achten und nach der Kartenerfassung eine "Skelettkarte" zu ergänzen, die nur das Straßennetz der zuvor ertasteten Karte enthält. Stets wird die Lesezeit (in Minuten) sowie die Ergänzungsqualität (Anteil korrekt ergänzter Elemente) erhoben.

An der ersten Studie nehmen 24 Vollsinnige teil. Drei taktile Karten desselben Geländes stehen zur Verfügung: die Orientierungskarte, die Mobilitätskarte und die Zielroutenkarte. Die Orientierungskarte skizziert das Gesamte Gelände und verwendet einheitlich den kleinen Darstellungsmaßstab (1/7500). Die Mobilitätskarte zeigt das Gesamte Gelände im Detail und verwendet einheitlich den großen Darstellungsmaßstab (1/3000). Die taktile Zielroutenkarte zeigt die Zielroute im großen und ihre Umgebung im kleinem Maßstab.

Je 8 zufällig gewählte Vpn ertasten eine der drei Karten unter Lichtabschluss. Hierauf erhält jede Vp - bei freier Sicht - eine Schwarz-Weiß-Kopie der zugehörigen Skelettkarte und trägt dort die fehlenden Details der ertasteten Karte ein.

Die Ergebnisse der Lesezeit und der Ergänzungsqualität werden statistisch ausgewertet (Kruskal-Walis-Test; Signifikanzniveau: p =0,05 pro Test).

An der zweiten Studie nehmen vier sehgeschädigte Personen teil. Jede Versuchsperson (Vp) bearbeitet zwei taktile Karten nacheinander - eine Orientierungs- und eine Zielroutenkarte. Es stehen zwei Gelände zur Verfügung; jede Vp bearbeitet beide Gelände. Welcher Kartentyp bei welcher VP das erste Gelände darstellt, wird per Zufall entschieden.

Hat die Vp eine Karte ertastet, erhält sie die entsprechende taktile Skelettkarte und trägt dort die fehlenden Kartendetails ein.

Ergebnisse

  1. In der ersten Studie ergeben sich statistisch signifikante Karteneffekte (Lesezeit: K =6,3; Ergänzungsqualität: K =6,2): Die Zielroutenkarte wird schneller gelesen und besser ergänzt als die anderen Kartentypen.
  2. In der zweiten Studie ergibt sich bei der Erfassungszeit kein Unterschied zwischen den beiden Kartentypen
    (Orientierungskarte: m =20, s =10; Zielroutenkarte: m =26, s =12 Minuten).
    Dagegen wird die Zielroutenkarte anscheinend besser ergänzt als die Orientierungskarte
    (Orientierungskarte: m =66, s =34; Zielroutenkarte: m =91, s =14 Prozent).

Schlussfolgerungen

Die taktile Zielroutenkarte erweist sich als brauchbar zur Darstellung räumlicher Informationen für sehgeschädigte Menschen. In beiden Studien wird sie mindestens ebenso gut wahrgenommen wie die Orientierungs- bzw. Mobilitätskarten. Die Ergebnisse beider Studien sprechen weiterhin dafür, dass die Zielroutenkarte besser verstanden wird als die anderen Kartentypen.

Wegen der kleinen Stichproben und der Aufgabenspezifität der Resultate lässt sich kein abschließendes Urteil zur Nutzertauglichkeit der taktilen Zielroutenkarte fällen. Die Ergebnisse dieser Studien rechtfertigen jedoch weitere Untersuchungen.


Bei Nachfragen wenden Sie sich bitte an den Erstautoren persönlich
(Dr. Arne Harder, Mailadresse: nc-harderar@netcologne.de).
Dieser freut sich auf Ihre Kritik und Ihre Anregungen.

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