Geschichte
Zur Geschichte der Klinischen Kinderheilkunde in Magdeburg
von Univ. Prof. em. Dr. med. habil. Wilhelm Thal
- Teil 1: Die Anfänge bis zum 2. Weltkrieg
- Teil 2: Die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg und während der DDR-Zeit
- Teil 3: Nach der politischen Wende 1990
- Literatur
Teil 1: Die Anfänge bis zum 2. Weltkrieg
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Seit 1811 sind im Magdeburger Stadtkrankenhaus auch Zimmer für kranke Kinder dokumentiert. 100 Jahre später beginnt in Magdeburg die eigenständige Kinderheilkunde. Am 1.4.1906 erfolgte die Berufung des Czerny-Schülers und -Mitarbeiters Priv.-Doz. Dr. Arthur Keller (1868 - 1934) als erster Städtischer Kinderarzt und Oberarzt der Säuglingsabteilung des Städtischen Krankenhauses Altstadt (Pavillon 1, E-Haus). Somit wurden in Magdeburg - erstmalig unter den großen deutschen Städten - die ärztlichen Maßnahmen der kommunalen Säuglingsfürsorge zentralisiert und dem Leiter der Klinischen Säuglingsabteilung unterstellt. Bereits 1905 war Arthur Keller die Leitung der neugegründeten Milchsterilisierungsanstalt übertragen worden. Arthur Keller hatte 1902 in Breslau die Monatsschrift für Kinderheilkunde begründet, die er nun redigierte. Gemeinsam mit A. Czerny verfasste er 1906 das "Handbuch der Ernährungslehre". Er führte in Magdeburg unentgeltliche Fürsorgesprechstunden ein. Von Magdeburg aus begleitete er den Neubau der Kinderklinik Berlin-Charlottenburg, und er wurde 1908 als Titular-Professor Direktor des Kaiserin-Auguste-Viktoria-Kinderkrankenhauses. Arthur Keller ist ein Pionier der Sozialpädiatrie und der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland. |
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Von 1908 bis 1913 war der Czerny-Schüler Prof. Dr. Martin Thiemich (1869 - 1920) Leiter der Säuglingsabteilung und Städtischer Kinderarzt. Er hatte grundlegende Arbeiten zu Krankheiten des zentralen Nervensystems veröffentlicht und gilt als Pionier der Neuropädiatrie. In Magdeburg setzte er das Werk seines Vorgängers fort bis er 1913 als Ordinarius für Kinderheilkunde und zum Direktor der Universitäts-Kinderklinik nach Leipzig berufen wurde.
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Das Kinderkrankenhaus Altstadt vor 1945 |
Unter seinem Nachfolger, dem Czerny-Schüler Prof. Dr. Hans Vogt (1874 - 1963) wurde die Säuglingsabteilung im Krankenhaus Altstadt weiterentwickelt und erhielt 1920 den Status einer Kinderklinik. Hans Vogt begründete 1919 an seiner Klinik ein Seminar zur Ausbildung von Kinderpflegerinnen, aus dem sich die staatlich anerkannte Säuglingspflegeschule entwickelte. Während seines Direktorates richtete die Kinderärztin Dr. med. Marie-Elise Kayser geb. Schubert (1885 - 1950) an der Kinderklinik die erste Frauenmilch-Sammelstelle in Deutschland ein. Hans Vogt wurde 1925 auf den neugegründeten Lehrstuhl für Kinderheilkunde der Universität Münster berufen. |
Im Februar 1925 übernahm Prof. Dr. Albert Uffenheimer (1876 - 1941), Schüler von Meinhard von Pfaundler in München, das Direktorat der Kinderklinik und die Funktion des Städtischen Kinderarztes in Magdeburg. Er erweiterte und modernisierte (Boxen-Abteilung) die im Altbau (E-Haus) befindlichen Räume der Kinderklinik und dehnte das Netz der städtischen Fürsorgestellen erheblich aus. 1926 wurde die bisher noch dem Internisten unterstellte Kinder-Infektionsabteilung der Kinderklinik zugewiesen. Albert Uffenheimer ernannte 1929 Dr. Charlotte Struve (1895 - 1983) zur Oberärztin seiner Klinik. Sie wurde somit erste klinische Oberärztin in Magdeburg. Albert Uffenheimer, welcher sich durch sein prophylaktisches und kuratives Wirken in Magdeburg große Verdienste erworben hat und auch wissenschaftlich (30 Publikationen) tätig war, musste 1933 aus rassischen Gründen abrupt die Klinik verlassen, emigrierte 1938 nach England und 1940 in die USA und starb im April 1941 in Albany (NY).
Sein Nachfolger wurde am 6.10.1934 Prof. Dr. Fritz Gustav Theodor Thoenes (1891 - 1974), welcher unter Stefan Engel in Dortmund, G. Bessau in Leipzig und F. Siegert in Köln gearbeitet hatte. Er führte die Kinderklinik durch die schwere Kriegs- und Nachkriegszeit. Nach totaler Zerstörung am 16. Januar 1945 wurden die kranken Kinder zunächst noch in Uchtspringe und Haldensleben untergebracht, wohin 1943 bereits die Auslagerung der Kinderklinik erfolgt war.
Teil 2: Die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg und während der DDR-Zeit
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Der Wiederbeginn der Klinischen Kinderheilkunde in Magdeburg war am 28.6.1945, als auf der Privat-Station der Frauenklinik des Krankenhauses Sudenburg die Säuglingsaufnahmestation und nachfolgend in einigen Räumen des Schwesternhauses Kinderzimmer eingerichtet wurden. 1948 übernahm Thoenes in der Halberstädter Straße 13 Villa und Park als Basis der wieder entstehenden Kinderklinik, wozu später eine Baracke für infektionskranke Kinder und das ehemalige Nachkriegshotel Bördehof für interne Schulkinder kamen. 1950 erhielt die Kinderklinik Gelände und Bauten von Jehovas Zeugen in der Wiener Straße zugewiesen. Im Gesellschaftshaus wurden die Säuglinge untergebracht, im Saal wurden zwei Boxenstationen eingerichtet. Das Städtische Kinderkrankenhaus wurde fortan in den Bereichen I und II mit insgesamt 426 Betten geführt. Thoenes war Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle und wurde 1953 auf den Lehrstuhl für Kinderheilkunde der Universität Rostock berufen. |
Neubeginn der Magdeburger Kinderklinik |
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Sein Nachfolger wurde der aus Halle kommende Prof. Dr. Karl Ludwig Nißler (1908 - 1987) als Direktor des Städtischen Kinderkrankenhauses I und II. 1954 wurde Nißler Mitglied des Gründungssenates der Medizinischen Akademie Magdeburg und erster Ordinarius für Kinderheilkunde in Magdeburg. 1958 - 1962 war er Rektor der Medizinischen Akademie Magdeburg. Unter seiner Leitung, unterstützt durch die verdienstvolle Oberin Marlies Rudolph (1913 -1999) und Oberärztin Dr. Christel Juntke (1922 - 1984), entwickelte sich die Kinderklinik zur Hochschuleinrichtung. Erstmalig in Magdeburg wurden Neubauten für die Kinderklinik errichtet: Hörsaaltrakt, Küche und Heizhaus 1963, Ambulanz 1967, Frühgeborenenzentrum (80 Betten) 1972. Von 23 Ärzten wurden 424 Kinder klinisch und bis zu 100 000 Patienten ambulant versorgt sowie 10 Mütterberatungsstellen und 11 Kinderkrippen und Heime betreut. Forschungsschwerpunkte : Wasser- und Mineralhaushalt, Stoffwechselstörungen, Kinderbronchologie, Wachstum und Entwicklung, Klinische Genetik, Neonatologie. Während der Amtszeit von Karl Ludwig Nißler promovierten 60 Ärzte. Die Habilitation erreichten : G. Schreiter 1960 ; Wilhelm Thal (geb. 1933) 1968 ; Christel Juntke (1922 - 1984) 1970 ; Norbert Bannert (geb. 1934) 1973. Auf Initiative von Karl Ludwig Nißler wurde 1962 im Krankenhaus Südwest eine Städtische Kinderabteilung (Leitung: Dr. Erika Linke, geb. 1922) eingerichtet , deren Leitung 1964 an Dr. Fritz Meinhard (1931 - 1990) übertragen wurde. |
Nach 20-jähriger Amtszeit ging Karl Ludwig Nißler in den Ruhestand und übergab die Einrichtung am 1.9.1973 an den aus Jena kommenden Prof. Dr. Horst Köditz (geb. 1931). 1974 wurde der seit 1958 in der Kinderklinik tätige Wilhelm Thal (geb 1933) als ordentlicher Professor für Kinderheilkunde auf den neu eingerichteten II. Lehrstuhl für Kinderheilkunde berufen und war seitdem ständiger Stellvertreter des Klinikdirektors.
Bei gleichbleibender Bausubstanz und sinkender Bettenzahl wurde die Klinik weiter profiliert: 1975 wurden vom Rektor folgende fachlich eigenverantwortliche Abteilungen bestätigt : Bronchopneumologie (W. Thal) ; Neonatologie ( Ch. Juntke , T. Abel , W. Lamme); Pädiatrische Hämatologie/Onkologie (U. Mittler). Weitere Abteilungen entstanden : Gastroenterologie, Endokrinologie und Stoffwechsel (N. Bannert), 1980 Gestaltungstherapie (D. Pietsch).
1985 betreute die Kinderklinik auf 12 Stationen in 285 Betten 3389 Kinder. Die Zahl der Mitarbeiter betrug 389, darunter 193 Schwestern. Die Leitung der Schwesternschaft hatte bis 1998 Dipl.Med.Päd. Jutta Ebert. Die Ambulanz (Leitung: K. Hentschel, K. Mohnike) hatte 6 Arbeitsplätze und 4 Infektionsboxen. Die Gesamtkonsultationen betrugen 71.524 in 31 Sprechstunden von 15 Spezialbereichen. Es wurden etabliert : Peritonealdialyse (D. Wiemann) Ultraschalltechnik (L. von Rohden ) sowie neuropädiatrische und sozialpädiatrische Aufgaben koordiniert (J. Gedschold).
1973 bis 1982 wurden 73 Diplom- und 25 Promotionsarbeiten zum Abschluss gebracht und mehr als 300 Beiträge publiziert. 1973 bis 1996 wurden auf nationalen und internationalen Tagungen mehr als 2000 Vorträge gehalten.
1981 wurde Norbert Bannert (geb. 1934 ) zum außerordentlichen Professor berufen. Mit dem Wissenschaftspreis (A. Schlossmann-Preis) der Gesellschaft für Pädiatrie der DDR wurden ausgezeichnet: W. Thal (1974); U. Mittler (1984 ) ; J. Hühnerbein (1985).
Die Promotion B bzw. Habilitation erreichten : Uwe Mittler (1982), Jürgen Hühnerbein (1984), Volker Steinbicker und Reinhard Szibor (1984), Jürgen Gedschold (1986) und Ludwig von Rohden (1989).
Forschungsschwerpunkte: Atemmechanik und Szintigrafie bei Früh- und Neugeborenen, Hyperreagibilität und Reinigungsfähigkeit des Bronchialbaumes, Mukoviszidose-Diagnostik und -Therapie, Tumorzytogenetik, Granulozytenfunktion, Infektanfälligkeit, Pränatale Diagnostik, Fehlbildungsmonitoring, Insulinrezeptoren, Wachstum und Ernährung. 1987 wurde H. Köditz Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher LEOPOLDINA .
Teil 3: Nach der politischen Wende 1990
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Es wurde kein Mitarbeiter negativ evaluiert. Horst Köditz wurde Rektor der Medizinischen Akademie Magdeburg (MAM). Mehrere DFG-Projekte wurden bearbeitet. Die gesamte Technik der Klinik wurde mit staatlichen Mitteln und privaten Zuwendungen modernisiert. Mehrere Neubau-Projekte wurden erarbeitet, aber nicht realisiert. Strukturelle Veränderungen: Rückführung der humangenetischen Abteilung als Institut für Humangenetik. Übernahme des Projektes Genetisches Register durch V. Steinbicker. Wegfall des II. Lehrstuhles für Kinderheilkunde und Berufung von W. Thal als Univ.-Prof. für Pädiatrische Pneumologie. |
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Habilitationen: Torsten Abel (1990), Renate Richter (1991), Wolfgang Lamme (1991) und Klaus Mohnike (1999).
1993 Überführung der MAM als Medizinische Fakultät in die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Bildung des Zentrums für Kinderheilkunde (Geschäftsführender Direktor bis 1996 : Prof. Dr. H. Köditz ) mit eigenständigen Kliniken:
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Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie (Dir. Prof. Dr. H. Köditz)
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Klinik für Pädiatrische Pneumologie und Kardiologie (Dir. Univ.-Prof. Dr. W. Thal)
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Klinik für Pädiatrische Gastroenterologie und Endokrinologie (Dir. Prof. Dr. N. Bannert )
- Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie (Dir. Univ.-Prof. Dr. U. Mittler).
Uwe Mittler (geb. 1941) wurde 1993 im Rahmen eines ordentlichen Berufungsverfahrens zum Universitätsprofessor berufen.
Leiter der Ambulanz: Dr. Klaus Mohnike. Aufgabe der Stationen 5 und 7 im Komplex Halberstädter Straße, Vorbereitungen zur Übernahme der Station 1 (Bördehof) in den Komplex Wiener Straße.
Die Städtische Kinderklinik im Walter Friedrich-Krankenhaus Magdeburg-Olvenstedt wird in Nachfolge von F. Meinhard von Frau Dr. Barbara Knittel (geb. 1949) geleitet.
1991 erfolgt die Gründung des Fördervereins " Karl Nißler ".
Nach Ausscheiden von Horst Köditz wurde ab 1.10.1996 Wilhelm Thal Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Kinderheilkunde und mit der kommissarischen Leitung der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie beauftragt. Gesamtbettenzahl 130 mit sinkender Tendenz. Übernahme der Station für Kinder und Jugendpsychiatrie in die Kinderklinik. Ausbau der Intensiv-Neonatologie in der Universitätsfrauenklinik. Rekonstruktion des Frühgeborenenhauses. Planung der Übernahme der Station 3 nach Container-Bau in den Komplex Wiener Straße. Zuordnung der Pädiatrischen Radiologischen Diagnostik (Leitung: Priv.- Doz. Dr. L. von Rohden) zur Klinik für Diagnostische Radiologie (Dir. Prof. Dr. Döhring). 1991 Wahl von Prof. W. Thal zum ordentlichen Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste und 1996 zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher LEOPOLDINA.
| Nach Ausscheiden von Wilhelm Thal im September 1998 Wahl des aus Münster kommenden Prof. Dr. Gerhard Jorch zum Geschäftsführenden Direktor des Zentrums für Kinderheilkunde, der am 1.4.1998 als Ordinarius für Kinderheilkunde nach Magdeburg berufen worden war und die Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie übernommen hatte. Zuordnung der von W. Thal (bis 1998) und N. Bannert (bis 1999) geleiteten Klinikbereiche zur Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie. Nach dem Einzug der Station 3 (Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie) in den Containerbau wurde im Jahr 2000 der Klinikkomplex Halberstädter Straße 13 aufgegeben. |
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Literatur
- Thal, Wilhelm: Zur Entwicklung der Kinderheilkunde in Magdeburg. // In: Magdeburger Blätter : Jahresschrift für Heimat- und Kulturgeschichte im Bezirk Magdeburg. - 1991, S. 77 - 90.
- Thal, Wilhelm: Direktoren der Magdeburger Kinderklinik. // In: Heinrich, G.: Magdeburger biographisches Lexikon. Magdeburg: Skriptum-Verl., 2002.
- Thal, Wilhelm; Bannert, Norbert: Die Magdeburger Hochschul-Kinderklinik im vierten Quartal des 20. Jahrhunderts. // In: Ärzteblatt Sachsen-Anhalt. - 2001, 5, S. 21 - 44.





